Rede von KOP Berlin
[english below]
Liebe Freund, liebe Angehörige, liebe Mitstreiter,
wir sind heute hier, weil wir Ferhat Mayouf nicht vergessen werden.
Vor sechs Jahren starb Ferhat Mayouf in einer Zelle in der JVA Moabit. Er wurde 36 Jahre alt.
Wir erinnern heute nicht an einen „Fall“. Wir erinnern an einen Menschen. Einen Bruder. Einen Freund. Einen Menschen, der leben und nicht sterben wollte.
Ferhat wurde wegen des Vorwurfs eines geringfügigen Diebstahls festgenommen. Weil er keinen gesicherten Aufenthaltsstatus und keine Meldeadresse hatte, kam er in Untersuchungshaft. Ein Mensch wurde nicht deshalb eingesperrt, weil er eine Gefahr für andere gewesen wäre, sondern weil migrationspolitische Gesetze und soziale Ausgrenzung ihn kriminalisierten.
Schon nach seiner Inhaftierung wurde deutlich, dass Ferhat in einer schweren psychischen Krise war. Er hat um medizinische Hilfe gebeten.
Doch anstatt Unterstützung zu erhalten, wurde er geschlagen, isoliert und bis zu 23 Stunden täglich allein in seiner Zelle eingesperrt.
Als am 23. Juli 2020 das Feuer in seiner Zelle ausgebrochen ist, schrie Ferhat um Hilfe. Er hämmerte gegen die Tür. Vier Justizbeamte standen vor seiner Zelle und öffneten die Tür nicht. Sie warteten.
Als die Feuerwehr eintraf, war Ferhat tot.
Dann passiert das, was wir von unserer Arbeit mit Strafverfolgungsbehörden nur kennen: Die Ermittlungen gegen die Justizbeamten wurden eingestellt, die Verantwortlichen sind im Dienst geblieben und bis heute hat niemand Verantwortung übernommen.
Ferhat Mayouf ist nicht an einem Unglück gestorben.
Er starb in staatlichem Gewahrsam, nachdem ihm Schutz und Hilfe verweigert wurden.
Sein Tod wirft bis heute Fragen nach Verantwortung, Unterlassung und institutionellem Rassismus auf. Fragen, die nie ernsthaft beantwortet wurden.
Und genau deshalb stehen wir heute hier.
Denn Ferhat Mayouf ist kein Einzelfall.
Wer sich die Namen der Menschen anschaut, die in Polizeigewahrsam, in Abschiebehaft oder in Gefängnissen gestorben sind, erkennt ein Muster.
Es sind überdurchschnittlich häufig Menschen, die arm gemacht wurden.
Menschen ohne sicheren Aufenthaltsstatus. Menschen, die rassistisch markiert werden.
Menschen, die psychische Krisen erleben. Menschen, deren Leben für staatliche Institutionen offensichtlich weniger schützenswert ist.
Der Staat begegnet sozialer Ungleichheit nicht mit Solidarität, sondern mit Kontrolle.
Nicht mit Wohnraum, Gesundheitsversorgung oder sozialer Sicherheit, sondern mit Polizei, Asylverschärfungen und Gefängnissen.
Armut wird kriminalisiert.
Migration wird kriminalisiert.
Obdachlosigkeit wird kriminalisiert.
Und wer sich gegen diese Verhältnisse organisiert, wird ebenfalls kriminalisiert.
Wir alle erleben das seit Jahren.
Gerade diese Justizvollzugsanstalt, die Ferhats Leben auf dem Gewissen hat, wurde LETZTES JAHR für ihre angebliche Suizidprävention ausgezeichnet.
Während hinter diesen Mauern Menschen verzweifeln, wird draußen von erfolgreicher Prävention gesprochen.
Für die Gefangenen ist es eine Botschaft, dass ihre Erfahrungen nicht zählen.
Unser Gedenken endet deshalb nicht bei der Erinnerung.
Es verpflichtet uns, den Bruder von Ferhat in seinem Kampf um Aufklärung nicht allein zu lassen, die Menschen hinter diesen Mauern nicht zu vergessen.
Und es verpflichtet uns, weiter gegen die Strukturen zu kämpfen, die solche Todesfälle überhaupt erst ermöglichen.
Wenn wir heute an Ferhat erinnern, dann erinnern wir auch an all jene, deren Namen viel zu selten ausgesprochen werden.
An diejenigen, die in Polizeigewahrsam, in Abschiebehaft, in Gefängnissen gestorben sind.
An diejenigen, deren Leben durch staatliche Gewalt beendet wurde.
Sie alle gehören zu unserer Erinnerung.
Und sie gehören zu unserem politischen Auftrag.
Wir müssen den Angehörigen zeigen, dass sie mit ihrer Trauer nicht allein sind, den Gefangenen zeigen, dass sie nicht vergessen sind.
Wir müssen den Verantwortlichen zeigen, dass wir nicht schweigen.
Ferhat Mayouf ist nicht vergessen.
Sein Name bleibt. Unser Widerstand auch.
Kein Vergeben.
Kein Vergessen.
(Seite 1): Zusammenfassung (de/en)
(Seite 2): Benjamin Düsberg (de/en)
(Seite 3): Mutombo Mansamba (de/en)
(Seite 4): Migrantifa Berlin (de/en)
(Seite 5): Andreas Krebs (de/en)
(Seite 6): Death in Custody (de/en)
(Seite 7): Thomas Meyer-Falk (de/en)
(Seite 8): KOP Berlin (de/en)
Speech from KOP Berlin
Dear friends, dear family, dear fellow campaigners,
We are here today because we will not forget Ferhat Mayouf.
Six years ago, Ferhat Mayouf died in a cell at Moabit Prison. He was 36 years old.
Today, we are not commemorating a ‘case’. We are commemorating a human being. A brother. A friend. A person who wanted to live, not to die.
Ferhat was arrested on suspicion of petty theft. Because he had no secure residency status and no registered address, he was remanded in custody. A human being was imprisoned not because he posed a danger to others, but because immigration laws and social exclusion criminalised him.
Shortly after his detention, it became clear that Ferhat was suffering from a severe mental health crisis. He asked for medical help.
But instead of receiving support, he was beaten, placed in solitary confinement and locked up alone in his cell for up to 23 hours a day.
When a fire broke out in his cell on 23 July 2020, Ferhat screamed for help. He pounded on the door. Four prison officers stood outside his cell and did not open the door. They waited.
By the time the fire brigade arrived, Ferhat was dead.
Then came the outcome we have come to expect from our work with law enforcement agencies: the investigation into the prison officers was dropped, those responsible remained in their posts, and to this day, no one has taken responsibility.
Ferhat Mayouf did not die in an accident.
He died in state custody after being denied protection and assistance.
To this day, his death raises questions about responsibility, dereliction of duty and institutional racism. Questions that have never been seriously addressed.
And that is precisely why we are standing here today.
Because Ferhat Mayouf is not an isolated case.
If you look at the names of the people who have died in police custody, in detention centres awaiting deportation or in prisons, you will recognise a pattern.
Proportionally, these are people who have been reduced to poverty.
People without secure residency status. People who are singled out on the basis of racism.
People experiencing mental health crises. People whose lives are evidently deemed less worthy of protection by state institutions.
The state does not tackle social inequality with solidarity, but with control.
Not with housing, healthcare or social security, but with the police, tighter asylum laws and prisons.
Poverty is criminalised.
Migration is criminalised.
Homelessness is criminalised.
And anyone who organises against these conditions is also criminalised.
We have all been experiencing this for years.
It was precisely this prison, which has Ferhat’s life on its conscience, that was honoured LAST YEAR for its alleged suicide prevention efforts.
Whilst people are driven to despair behind these walls, outside there is talk of successful prevention.
For the prisoners, this sends the message that their experiences do not count.
Our commemoration therefore does not end with remembrance.
It compels us not to leave Ferhat’s brother alone in his fight for the truth, and not to forget the people behind these walls.
And it compels us to continue fighting against the structures that allow such deaths to happen in the first place.
When we remember Ferhat today, we also remember all those whose names are spoken far too rarely.
Those who have died in police custody, in detention centres awaiting deportation, in prisons.
Those whose lives were ended by state violence.
They all form part of our remembrance.
And they form part of our political mission.
We must show the bereaved that they are not alone in their grief, and show the prisoners that they are not forgotten.
We must show those responsible that we will not remain silent.
Ferhat Mayouf is not forgotten.
His name lives on. So does our resistance.
No forgiveness.
No forgetting.
(Page 1): Summary (de/en)
(Page 2): Benjamin Düsberg (de/en)
(Page 3): Mutombo Mansamba (de/en)
(Page 4): Migrantifa Berlin (de/en)
(Page 5): Andreas Krebs (de/en)
(Page 6): Death in Custody (de/en)
(Page 7): Thomas Meyer-Falk (de/en)
(Page 8): KOP Berlin (de/en)