Zusammenfassung und Redebeiträge der Demo 2026 in Gedenken an Ferhat Mayouf

Veröffentlich am 31.07.2026

Rede von Death in Custody

[english below]

Wir möchten den heutigen sechsten Jahrestag des gewaltsamen Todes von Ferhat Mayouf in der JVA Moabit zum Anlass nehmen, um darauf aufmerksam zu machen, dass es immer wieder in deutschen Knästen brennt und Gefangene dabei elendig ums Leben kommen. Nicht nur Tod in Gewahrsam hat System, auch der Tod durch Zellenbrand hat System. In den wenigsten Fällen bekommt die Öffentlichkeit das mit. Als Gruppe Death in Custody möchten wir diese Todesfälle sichtbar machen und dazu beitragen, dass sie verhindert werden. Falls ihr weitere Todesfälle kennt, die wir noch nicht erfasst haben, schreibt uns eine E-Mail oder meldet euch bei uns via Social Media. Unsere bisherige Dokumentation findet ihr unter https://doku.deathincustody.info/de/.

Man kann sich kaum einen qualvolleren Tod durch einen Zellenbrand vorstellen. Bei unserer Recherche zu tödlichen Zellenbränden sind wir auf viel mehr davon gestoßen, als man in der breiten Öffentlichkeit mitbekommt. Manche dieser Feuer werden von den Gefangenen selbst gelegt: aus Verzweiflung, als Reaktion auf die unmenschlichen Lebensbedingungen im Knast, aus dem man sich nicht lebend befreien kann. Als Folge von psychischen Erkrankungen, für die es im Knast keine ausreichende Versorgung gibt.

Was hinter Gefängnismauern passiert, ist der Kontrolle von außen entzogen und so entsteht jede Menge Raum für die Vertuschung staatlicher Gewalt. Brandschutz wird in Knästen aber schon viel zu lange klein geschrieben: Wir möchten deshalb heute die Namen von Menschen nennen, die durch Zellenbrände in deutschen Knästen aus dem Leben gerissen wurden. Die folgenden Namen nennen nur die Spitze des Eisbergs. Als Recherchegruppe Death in Custody möchten wir neben Ferhat Mayouf heute ganz besonders auch der folgenden Menschen gedenken:

Wir gedenken Oury Jalloh, der am 07.01.2005 von Polizist*innen in Dessau angezündet wurde, um Misshandlungen zu vertuschen.
Wir gedenken Amed Ahmed, der am 29.09.2018 in Kleve in NRW an den Folgen eines Zellenbrandes starb. Er war offenbar aufgrund einer Verwechslung in Haft gekommen, dem Justizpersonal hätte der Fehler auffallen müssen.
Auch in Berlin gibt’s häufig tödliche Zellenbrände:
Am 3. Juli 2024 kam es zu einem Zellenbrand der JVA Tegel; den Namen des Gefangenen, der ihn überlebte, kennen wir nicht.
Wir denken an einen Gefangenen, dessen Namen wir nicht kennen. Er starb in der Nacht zum 19. Juli 2024 an einem Zellenbrand der JVA Heidering in Brandenburg. In diesem Knast hatte es bereits eine Woche zuvor in einer Zelle gebrannt.

Am 26. Mai 2026 hat es hier in Berlin, in der JVA Plötzensee ebenfalls einen tödlichen Zellenbrand gegeben. Wir gedenken des Gefangenen, dessen Leben das gekostet hat. Der Gefangene war Medienberichten zufolge bereits tot, als er aus der Zelle geborgen wurde. Als Brandursache wird angegeben, dass er einen Schrank in seinem Haftraum angezündet haben soll. Die Zellentür habe sich durch die Hitze verzogen, sodass es den Bediensteten der JVA nicht gelungen sei, diese zu öffnen. Erst die Feuerwehr habe die Tür mit ihrem schweren Gerät öffnen können. Ein Gefangener berichtete gegenüber der Berliner Morgenpost, dass der Verstorbene nach der Brandlegung in seiner Zelle in Todespanik verzweifelt gegen die Tür gehämmert habe. Warum haben sie ihn nicht rechtzeitig gerettet?

Wenn man eingesperrt ist, ist man darauf angewiesen, dass die Tür von außen geöffnet wird, wenn es drinnen brennt. Noch immer sind die allermeisten Zellen in Berliner Knästen nicht mit Rauchmeldern ausgestattet. Auch die Vorrichtungen für Löscheinsätze sind unvollständig eingerichtet. Das ist doch Zellenbrandgefahr mit Ansage!

Wir stellen immer wieder fest, dass der Politik der desolate Brandschutz in Berliner Justizvollzugsanstalten bekannt ist, aber keine wirksamen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Stattdessen heißt es, diejenigen, die in den Zellenbränden ums Leben kommen, seien selber am Brand Schuld, durch Zündeln oder Brandlegung auf der Zelle.

Erstens ist jede Erzählung anzuzweifeln, wonach sich jemand selbst angezündet haben soll. Das lernen wir aus der Vertuschung des Mordes an Oury Jalloh. Da hatten Polizisten behauptet, er habe sich im gefesselten Zustand selbst angezündet, was eine reine Lüge war.

Zweitens: Selbst wenn jemand auf seiner Zelle zündelt oder aus Verzweiflung nicht anders als durch eine Brandlegung auf sich aufmerksam machen kann, ist der Staat noch lange nicht aus der Verantwortung raus, die er für Menschen trägt, die er einsperrt. Grade weil längst bekannt ist, dass unter den vielen Gefangenen ein großer Anteil unter psychischen Erkrankungen leidet, die nicht ansatzweise ausreichend versorgt werden. Das Mindeste, was der Staat unternehmen kann, ist, die Menschen da sicher herauszuholen, wenn es brennt.

Drittens: Der sicherst Weg, um jemanden vor tödlichem Zellenbrand zu schützen ist, ihn schlicht nicht einzusperren. Die Knäste sind voll mit Menschen, die dort nicht sitzen müssten. Leute, die ihre Ersatzfreiheitsstrafe absitzen müssen, weil sie sich eine Geldstrafe nicht leisten können. Ein Großteil der Gefangenen wird aus der Gesellschaft aussortiert, weil sie im Kapitalismus nicht mithalten können.

Wir denken auch an jene, die wir nicht dokumentiert haben.

Kein Vergeben, kein Vergessen.

Schluss mit der tödlichen Staatsgewalt!


(Seite 1): Zusammenfassung (de/en)
(Seite 2): Benjamin Düsberg (de/en)
(Seite 3): Mutombo Mansamba (de/en)
(Seite 4): Migrantifa Berlin (de/en)
(Seite 5): Andreas Krebs (de/en)
(Seite 6): Death in Custody (de/en)
(Seite 7): Thomas Meyer-Falk (de/en)
(Seite 8): KOP Berlin (de/en)



Speech from Death in Custody

We would like to mark today’s sixth anniversary of Ferhat Mayouf’s violent death at Moabit Prison as an opportunity to draw attention to the fact that fires break out time and again in German prisons, resulting in prisoners losing their lives in horrific circumstances. It is not only deaths in custody that are systematic; deaths caused by cell fires are systematic too. In very few cases does the public become aware of this. As the group Death in Custody, we want to bring these deaths to light and help ensure they are prevented. If you know of any further deaths that we have not yet recorded, please send us an email or get in touch via social media. You can find our documentation to date at https://doku.deathincustody.info/de/.

It is hard to imagine a more agonising death than that caused by a cell fire. In our research into fatal cell fires, we have come across far more cases than the general public is aware of. Some of these fires are started by the prisoners themselves: out of desperation, in response to the inhumane living conditions in prison, from which there is no way to escape alive. As a result of mental health conditions for which there is insufficient care in prison.

What happens behind prison walls is beyond external control, creating ample opportunity for the cover-up of state violence. Yet fire safety in prisons has been neglected for far too long: we therefore wish today to name those who have been torn from life by cell fires in German prisons. The following names represent only the tip of the iceberg. As the research group Death in Custody, alongside Ferhat Mayouf, we would like to pay special tribute today to the following people:

We remember Oury Jalloh, who was set on fire by police officers in Dessau on 7 January 2005 in order to cover up acts of abuse.
We remember Amed Ahmed, who died on 29 September 2018 in Kleve, North Rhine-Westphalia, as a result of a cell fire. He had apparently been imprisoned due to a case of mistaken identity; the prison staff should have noticed the error.
Fatal cell fires are also common in Berlin:
On 3 July 2024, a cell fire broke out at Tegel Prison; we do not know the name of the prisoner who survived it.
We remember a prisoner whose name we do not know. He died during the night of 19 July 2024 in a cell fire at Heidering Prison in Brandenburg. A fire had already broken out in a cell at this prison a week earlier.

On 26 May 2026, there was also a fatal cell fire here in Berlin, at Plötzensee Prison. We remember the prisoner who lost his life in the incident. According to media reports, the prisoner was already dead when he was recovered from the cell. The cause of the fire is reported to be that he allegedly set fire to a closet in his cell. The cell door is said to have warped due to the heat, meaning that prison staff were unable to open it. It was only the fire brigade who were able to force the door open using their heavy-duty equipment. One prisoner told the Berliner Morgenpost that, after setting the fire, the deceased had hammered desperately against the door in a panic for his life. Why did they not rescue him in time?

When you’re locked up, you’re dependent on the door being opened from the outside if there’s a fire inside. The vast majority of cells in Berlin’s prisons are still not fitted with smoke detectors. The fire-fighting equipment is also incomplete. This is a guaranteed risk of cell fires!

Time and again, we find that politicians are aware of the appalling state of fire safety in Berlin’s prisons, yet no effective countermeasures are being taken. Instead, they claim that those who lose their lives in cell fires are themselves to blame for the fire, having played with fire or set fire to their cells.

Firstly, any account claiming that someone set themselves alight must be treated with scepticism. We learn this from the cover-up of Oury Jalloh’s murder. In that case, police officers claimed that he had set himself alight whilst handcuffed, which was a complete lie.

Secondly: even if someone sets fire to their cell or, out of desperation, has no other way of drawing attention to themselves than by starting a fire, the state is by no means absolved of the responsibility it bears for the people it imprisons. Precisely because it has long been known that a large proportion of the many prisoners suffer from mental health conditions for which care is nowhere near adequate. The very least the state can do is to get people out of there safely when there is a fire.

Thirdly: The surest way to protect someone from a fatal cell fire is simply not to imprison them. The prisons are full of people who shouldn’t be there. People who have to serve a custodial sentence in lieu of a fine because they cannot afford to pay it. A large proportion of prisoners are marginalised from society because they cannot keep up under capitalism.

We also think of those we have not documented.

No forgiveness, no forgetting.

Down with deadly state power!


(Page 1): Summary (de/en)
(Page 2): Benjamin Düsberg (de/en)
(Page 3): Mutombo Mansamba (de/en)
(Page 4): Migrantifa Berlin (de/en)
(Page 5): Andreas Krebs (de/en)
(Page 6): Death in Custody (de/en)
(Page 7): Thomas Meyer-Falk (de/en)
(Page 8): KOP Berlin (de/en)

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