Zusammenfassung und Redebeiträge der Demo 2026 in Gedenken an Ferhat Mayouf

Veröffentlich am 31.07.2026

Rede von Migrantifa Berlin

[english below]

Hallo liebe Genossen
hallo liebe geschwister
und liebe Nachbarn

Nichtmal 2 Kilometer von hier entfernt schrie unser Bruder Ferhat Mayouf heute vor 6 Jahren minutenlang um Hilfe.
Auf dem Gang vor Ferhats Zelle standen Vollzugsbeamte mit Zellenzugang. Sie hörten seine verzweifelten Todesschreie. Sie hätten seinen Tod verhindern können. Doch sie taten es nicht. Zwanzig minuten lang ließen sie unseren Bruder Ferhat unter Todesqualen vergebens um sein Leben kämpfen.

Biplab Basu sagte mal „Warum ist es so schwierig, Verbrechen des Staates aufzuklären? Weil es eine Vertuschungsindustrie gibt: Die Justiz. Die Justiz arbeitet als Handlangerin der Polizei und auch von Vollzugsangestellten in Gefängnissen.“
Und wenn genau diese Vertuschung versagen, dann werden die Morde gerechtfertigt; er war doch eh nur ein krimmineller.
Hätten die Mitinsassen von Ferhat nicht durch Aufstände seinen Tot an die Öffentlichkeit gebracht, hätten wir nie davon erfahren. Genauso wie wir uns auf der Straße gegenseitig schützen, schützen sich unsere Gewschister hintergittern auch. Weder den Staat noch das kapitalistische System juckt unser wohlergehen.

Die Berliner Staatsanwaltschaft hat die Strafanzeige gegen die JVA eingestellt.
Das überrascht uns nicht, denn wir wissen, dass wir vom Staat und seinen Institutionen keine Gerechtigkeit erwarten können. Wir wissen, dass Bullen und Knäste nicht dazu da sind, uns zu schützen, sondern uns zu kontrollieren, zu unterdrücken, uns einzusperren und zu töten.

Ferhat kam ins Gefängnis, als Konsequenz dieses Staates für eine angebliche „Straftat“ – für einen angeblichen Diebstahl. Die Konsequenzen dieses Vorwurfs, waren Freiheitsentzug in einer Zelle – und dann der Tod.
Für die Angestellten der JVA die ihm beim Todeskampf zuhörten gibt es keine Konsequenzen. Die Leiter der JVA, die Köpfe und Entscheider des Systems das Ferhat von uns nahm – sie alle können in Frieden weiter leben.
Denn das System ist nicht kaputt – es funktioniert genau so wie es soll. Entweder du fügst dich oder du wirst geschlagen, verhaftet, eingesperrt, getötet. Die Ketten die unseren Geschwistern durch Kolonialherren angelegt wurden halten uns bis heute hinter Gittern.

Ich frage mich heute – diese 4 Knastmitarbeiter, diese 4 Schließer, die fast eine halbe Stunde vor der Zellentür warteten und Ferhat ersticken ließen. Denken sie, sie seien unschuldig? Können sie nachts schlafen? Denken sie jede Minute, die sie auf ein neues Entschieden haben, Ferhat nicht zu helfen, war eine Minute in der sie richtig handelten? Wer würde 20 Minuten lang, wieder und wieder entscheiden einem Menschen, der in einer beengten Zelle um Luft ringt und erstickt, nicht zu helfen. Menschen die gelernt haben, dass nicht jedes Menschenleben gleichviel wert ist.
Was macht unsere Leben wertlos im Auge dieses Systems?
Wenn du dir kein Abendessen kaufen kannst?
Wenn du keinen deutschen Pass hast?
Wenn du in einer psychischen Krise steckst?
Wenn du nicht weiß bist?
Wenn du diesem Staat kein Geld bringst?
Oder du nicht gehorsam der deutschen Staatsräson folgst?
Wer entscheidet ab wann dein Leben verwertbar/wertlos ist?

Denken die Verantwortlichen in der JVA Moabit überhaupt an Ferhat. Denken sie, sein Tod, ist ein Grund über eine Veränderung der Umstände nachzudenken? Sicher nicht. Denn für sie, ist das was da passiert ist, eine Notwendigkeit in diesem System, die es zu akzeptieren gilt.

Für uns gibt es keine Unschuldigen Bullen, keine Unschuldigen Wärter ihr seid Mörder und Faschisten.
Für uns ist die einzige logische und richtige Konsequenz die vollständige Abschaffung aller Knäste und Lager.
Wahre Sicherheit entsteht nur zwischen uns und niemals durchs Justizsystem, niemals durch Knäste.

Von Trauer, zu Wut, zu Widerstand!
Freiheit für alle politischen Gefangen!


(Seite 1): Zusammenfassung (de/en)
(Seite 2): Benjamin Düsberg (de/en)
(Seite 3): Mutombo Mansamba (de/en)
(Seite 4): Migrantifa Berlin (de/en)
(Seite 5): Andreas Krebs (de/en)
(Seite 6): Death in Custody (de/en)
(Seite 7): Thomas Meyer-Falk (de/en)
(Seite 8): KOP Berlin (de/en)



Speech from Migrantifa Berlin

Hello, dear comrades,
hello, dear brothers and sisters,
and dear neighbours,

Less than 2 kilometres from here, six years ago today, our brother Ferhat Mayouf cried out for help for several minutes.
Prison officers with access to the cells were standing in the corridor outside Ferhat’s cell. They heard his desperate cries of agony. They could have prevented his death. But they did not. For twenty minutes, they left our brother Ferhat to fight in vain for his life whilst in the throes of death.

Biplab Basu once said, ‘Why is it so difficult to solve crimes committed by the state? Because there is a cover-up industry: the judiciary. The judiciary acts as an accomplice to the police and also to prison staff.’

And when this very cover-up fails, the murders are justified; after all, he was just a criminal anyway.
If Ferhat’s fellow inmates hadn’t brought his death to public attention through riots, we would never have found out about it. Just as we protect one another on the streets, our brothers and sisters behind bars protect one another too. Neither the state nor the capitalist system gives a damn about our wellbeing.

The Berlin Public Prosecutor’s Office has dropped the criminal complaint against the prison.
This comes as no surprise to us, for we know that we cannot expect justice from the state and its institutions. We know that cops and prisons are not there to protect us, but to control us, oppress us, lock us up and kill us.

Ferhat was sent to prison as a consequence imposed by this state for an alleged ‘crime’ – for an alleged theft. The consequences of this accusation were imprisonment in a cell – and then death.
There are no consequences for the prison staff who listened to him as he struggled for his life. The prison management, the leaders and decision-makers of the system that took Ferhat from us – they can all carry on living in peace.
Because the system isn’t broken – it works exactly as it should. Either you submit, or you are beaten, arrested, imprisoned, killed. The chains that were placed on our brothers and sisters by colonial rulers still keep us behind bars to this day.

I find myself wondering today – those four prison staff, those four guards, who stood waiting outside the cell door for nearly half an hour and let Ferhat suffocate. Do they think they’re innocent? Can they sleep at night? Do they think that every minute they spent deciding not to help Ferhat was a minute in which they acted correctly? Who would spend 20 minutes, time and again, deciding not to help a person who is struggling for air and suffocating in a cramped cell? People who have learnt that not every human life is of equal value.
What makes our lives worthless in the eyes of this system?
If you can’t afford to buy dinner?
If you don’t have a German passport?
If you’re in the midst of a mental health crisis?
If you’re not white?
If you don’t bring money to this state?
Or if you don’t obediently follow German reasons of state?
Who decides when your life becomes exploitable or worthless?

Do those in charge at Moabit Prison even think about Ferhat? Do they think his death is a reason to consider changing the circumstances? Certainly not. Because for them, what happened there is a necessity within this system that must be accepted.

As far as we’re concerned, there are no innocent cops, no innocent prison officers – you are murderers and fascists.
For us, the only logical and correct course of action is the complete abolition of all prisons and camps.
True security can only arise between us, and never through the justice system, never through prisons.

From grief, to anger, to resistance!
Freedom for all political prisoners!


(Page 1): Summary (de/en)
(Page 2): Benjamin Düsberg (de/en)
(Page 3): Mutombo Mansamba (de/en)
(Page 4): Migrantifa Berlin (de/en)
(Page 5): Andreas Krebs (de/en)
(Page 6): Death in Custody (de/en)
(Page 7): Thomas Meyer-Falk (de/en)
(Page 8): KOP Berlin (de/en)

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